Gegenseitige Beinhaltung oder auch gegenseitiger Besitz der zehn Welten [十界互具 jap: jikkai-gogu]:
Ein von T’ien-t’ai (538–597) auf Grundlage des Lotus-Sutra formuliertes Prinzip, das besagt, dass jede der Zehn Welten das Potenzial für alle zehn in sich trägt. Es ist eines der Grundprinzipien von T’ien-t’ais Lehre von den dreitausend Daseinsbereichen in einem einzigen Lebensmoment. "Gegenseitiger Besitz" bedeutet, dass das Leben nicht auf eine der Zehn Welten festgelegt ist, sondern sich in jedem Augenblick in jeder der zehn manifestieren kann, von der Hölle bis zum Zustand der Buddhaschaft. Solange eine der zehn manifestiert ist, bleiben die anderen neun latent im Zustand der Nicht-Substanzität. Der Kern dieses Prinzips liegt darin, dass alle Wesen in jeder der neun Welten die Buddha-Natur besitzen. Dies bedeutet, dass jeder Mensch das Potenzial hat, die Buddhaschaft zu manifestieren, während ein Buddha ebenfalls die neun Welten besitzt und in diesem Sinne nicht von gewöhnlichen Menschen getrennt oder verschieden ist.
Aus einer anderen Perspektive kann der gegenseitige Besitz der Zehn Welten als Hinweis auf "die in den neun Welten innewohnende Welt der Buddhaschaft" oder "die Einbeziehung der Buddhaschaft in die neun Welten" und "die in der Buddhaschaft innewohnenden neun Welten" oder "die Einbeziehung der neun Welten in die Buddhaschaft" gesehen werden.
Es folgen Zitate aus der Gosho 39 – Das Objekt der Widmung zum Betrachten des eigenen Lebens:
"Der Buddha erklärte deutlich, dass jede der Zehn Welten, dieselben Zehn Welten noch einmal in sich enthält. Trotzdem fällt es mir schwer, zu glauben, dass unsere niederen Herzen mit der Welt der Buddhaschaft ausgestattet sein sollen." [SND 448]
"An das Gegenseitige Enthaltensein der Zehn Welten zu glauben ist so schwierig wie an die Tatsache, dass Feuer in einem Stein existiere oder Blüten in einem Baumstamm. Doch unter den richtigen Bedingungen [Flintstone, Frühling] treten solche Dinge tatsächlich auf und werden glaubhaft. Daran zu glauben, dass die Bruderschaft in der Welt der Menschen vorhanden ist - das ist das Allerschwierigste überhaupt." [SND 449]
"Im Kapitel Hilfreiche Mittel im ersten Band des Lotos-Sutra steht: 'Die Buddhas wollen allen Lebewesen das Tor der Buddhaweisheit öffnen.' Dies bezieht sich auf die Welt der Buddhaschaft, die den anderen neun Welten innewohnt." [SND 445]
"Tiantai kommentiert diesen Abschnitt folgendermaßen: 'Wenn die Menschen die ihnen innewohnende Buddhaweisheit nicht besitzen würden, wie könnte dann der Buddha sagen, er wolle sie öffnen? Man muss verstehen, dass die Buddhaweisheit jedem Menschen innewohnt.' Der Große Lehrer Zhangan folgert daraus: 'Wie könnten die Menschen das Tor zur Buddhaweisheit öffnen und sie erkennen, wenn diese nicht bereits in ihnen existierte? Wie könnte man einer armen Frau ihre Schatzkammer zeigen, wenn es diese Schatzkammer nicht [bereits] gäbe?'" [SND 453]
Es folgt eine kurze Wiederholung der Beschreibung der zehn Welten:
Man hat es schon erlebt, das kann man also glauben. Von der eigenen Veranlagung zum Ärger, von der Arroganz, von der Angst im Dunkeln, von der Neigung zu Wutausbrüchen oder von spontaner Habgier, wenn die Umstände dementsprechend sind. Wenn ein äußerer Umstand 'mich triggert', wie man so sagt. Man hat sich schon verzweifelt gefühlt oder kennt es, einer schier ausweglosen Situation gegenüber zu stehen. Am liebsten wollen wir dann nur noch unsere Ruhe haben, nein, wir wollen etwas, das uns einfach glücklich macht - Urlaub am Palmenstrand, die ultimative Manifestation der Welt des Himmels, Illusion pur!
Zu diesen sechs niederen Welten addiert der Buddhismus vier edle Welten für praktizierende Buddhisten. Stimmenhörer und Zur-Ursache-Erwachte (skt. shrāvaka und pratyekabuddha; jap. [声聞 shōmon und 縁覚 engaku) hören sich jetzt eher weltfern an. Sie bezeichnen Vorstufen auf dem Weg zur höchsten Wahrheit, Menschen die sich Gedanken über die Welt machen, die nach Wissen über die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung streben. Diese Lebenszustände des Arhats und des Pratyekabuddha tragen in sich die Gefahr der Arroganz, zu glauben, man habe das Leben gemeistert, weil man die Strukturen durchschaut. Daher sprach man diesen intelektuellen Lebenszuständen die Erlangung der Buddhaschaft ab, zusammen mit Verbrechern und Frauen. Das Lotos-Sutra bekräftigt jedoch ausdrücklich, dass alle Menschen die Buddhaschaft in sich tragen. Nach der Welt des umfassenden Mitgefühls für andere Menschen, die wir mal mehr, mal weniger intensiv ausleben ist uns also die Fähigkeit zur Wahrnehmung des absoluten Werts des Lebens innewohnend.
Der Punkt ist, dass wir diese Veranlagung bereits besitzen, wir müssen sie nicht erwerben oder von außen geschenkt bekommen. Dass die neun Welten die zehnte bereits in sich besitzen bedeutet, dass wir nicht zuerst aufhören müssen mit Welt zwei oder drei, um zu Welt zehn zu springen. In Welt zwei oder drei sind bereits alle Möglichkeiten enthalten. Wir müssen nicht zuerst aufhören, zu leiden, ehe wir Bodhisattva/Buddha sein können. Wir müssen nicht aufhören, ein Sünder zu sein, um in den Himmel zu kommen - um es mit christlichen Vokabeln auszudrücken. Wir müssen nicht irgendwie rein werden, um würdig zu sein, wir müssen nicht diese oder jene Stufe meistern, um Buddha zu werden. Nein, Nichiren sagt zu seinem Schüler Shijo Kingo, 'Wenn Sie in die Hölle fallen, dann gehe ich mit ihnen und wenn wir gemeinsam in der Hölle sind, werden wir Shakyamuni Buddha dort finden...'
So, Buddhismus ist ja niemals 'entweder - oder', sondern immer 'sowohl - als auch':
Bis hierhin haben wir gehört, die neun Welten beinhalten die Welt des Buddha, einerseits.
"Andererseits übersteigt das Leben und die Umgebung eines Buddhas niemals das eines gewöhnlichen Sterblichen." [DG1, 35]
Also, die Welt des Buddha beinhaltet ihrerseits die neun Welten.
Aktuell lautet das Zitat: "Und weiter: Sowohl die Lebewesen als auch die Umgebung der Avichi-Hölle existieren gänzlich im Herzen des größten Heiligen [Buddha]; und darüber hinaus: Das Leben und die Umgebung von [Buddha] Vairochana übersteigen niemals das Leben eines gewöhnlichen Sterblichen [SND 479]
Nichiren zitiert an anderer Stelle das 16. Kapitel des Lotos-Sutra: "Auf diese Weise ist eine äußerst lange Zeit vergangen, seit ich die Buddhaschaft erlangt habe. Meine Lebensspanne ist unermesslich viele Asamkhya Kalpas lang, und währenddessen habe ich immer hier verweilt, ohne jemals zu verlöschen. Oh gute Männer! Ich habe ursprünglich den Weg des Bodhisattvas ausgeübt und die Lebensspanne, die ich damals erlangt habe, ist noch nicht zu Ende und wird noch doppelt so lang dauern." und merkt an: "An dieser Stelle verweist das Sutra auf die neun Welten, die in der Buddhaschaft enthalten sind." [SND 445]
Der Buddha ist also niemals ein Gott, Gottes Sohn oder sonst irgendein heiliger Superheld mit Wunderkräften. Er bleibt Mensch und bleibt mit allen Widrigkeiten und Umständen des Lebens verbunden, die einem als Mensch so widerfahren können. Es gibt kein Entkommen! Wie Nichiren schreibt, wird eine genaue Überlegung zu dem Ergebnis führen, das sich sowohl die Hölle als auch das Land des Buddha beide in unserem fünf Fuß großen Körper befinden. Und sonst nirgendwo! Die abrahamitischen Religionen bedienen gerne diese menschliche Sehnsucht, nicht für das eigene Leben verantwortlich sein zu wollen, von jemand anderem, Außenstehenden, von einer höheren Macht, an einen fernen schönen Ort verbracht zu werden, wo dann für immer alles gut ist. Magische Wiedergeburt ohne eigenes Zutun, Paradies als Belohnung … wofür nochmal?
Diese beiden Punkte, jeder Mensch kann Buddha und jeder Buddha bleibt Mensch, sind die Kernaussagen der gegenseitigen Beinhaltung der zehn Welten.
Und wenn wir noch einmal an die zehn Faktoren denken, an Ursache und Wirkung, dann existiert im menschlichen Leben der Lebenszustand der Buddhaschaft inaktiv.
Welcher äußere Anlass ist nötig, um diesen karmischen Samen zu aktivieren?
Quellen:
https://www.nichirenlibrary.org/en/dic/Content/M/143
Gosho Nr. 178, WND II, Über das Prinzip der Dreitausend Welten
https://www.nichirenlibrary.org/en/wnd-2/Content/178#para-74
Richard Causton, Der Buddha des Alltags, S. 165ff und S. 194ff
Dialoge über das Lotos-Sutra Band 1, ganzes Kapitel 8, ab S.144
Gosho 39 Objekt der Widmung – SND, 442 - 471
Gosho 40 Shoho jisso sho - das Wahre Wesen des Lebens - SND, 479 - 484
