Zehn Faktoren des Lebens [十如是] (jap.: jū-nyoze): Auch zehn Daseinsfaktoren.
'Nyoze' bedeutet wörtlich: 'So, wie es ist'. Ju-nyoze, dementsprechend: Die 'zehn so-wie-es-ist'.
Zehn Grundausstattungsmerkmale, die allem Leben in allen Zehn Welten gemeinsam sind. Sie werden im zweiten Kapitel des Lotus-Sutra, "Zweckmäßige Mittel", aufgeführt: Yui butsu yo butsu. Nai no kujin. Shoho jisso. Sho-i shoho. Nyo ze so. Nyo ze sho. Nyo ze tai. Nyo ze riki. Nyo ze sa. Nyo ze in. Nyo ze en. Nyo ze ka. Nyo ze ho. Nyo ze honmatsu kukyo to. "Das wahre Wesen aller Phänomene kann nur von Buddhas verstanden und geteilt werden. Diese Wirklichkeit besteht aus Erscheinung, Natur, Wesenheit, Kraft, Einfluss, innerer Ursache, Beziehung, latenter Wirkung, manifester Wirkung und ihrer Übereinstimmung von Anfang bis Ende."
Diese Passage liefert die theoretische Grundlage für das Prinzip der Ersetzung der drei Fahrzeuge durch das eine Fahrzeug, wie es in der theoretischen Lehre in der ersten Hälfte des Lotus-Sutra gelehrt wird. Da die zehn Faktoren allem Leben und allen Phänomenen gemeinsam sind, kann es keinen grundlegenden Unterschied zwischen einem Buddha und einem gewöhnlichen Menschen geben.
Auf dieser Grundlage begründete T’ien-t’ai (538–597) das philosophische System der dreitausend Daseinsbereiche in einem einzigen Lebensmoment, dessen Bestandteil das Prinzip der zehn Faktoren ist. Während die Zehn Welten Unterschiede zwischen Phänomenen ausdrücken, beschreiben die zehn Faktoren das allen Phänomenen gemeinsame Existenzmuster. So haben beispielsweise sowohl der Zustand der Hölle als auch der Zustand der Buddhaschaft, so unterschiedlich sie auch sein mögen, die zehn Faktoren gemeinsam.
(1) Erscheinung: von außen erkennbare Eigenschaften oder Merkmale von Dingen wie Farbe, Form, Körper, Gestalt und Verhalten.
(2) Natur: die inhärente Wesensart oder Eigenschaft eines Dings oder Wesens, die von außen nicht erkennbar ist. T’ien-t’ai charakterisiert sie als unveränderlich und unersetzlich. Die Natur des Feuers beispielsweise ist unveränderlich und kann nicht durch die des Wassers ersetzt werden. Er spricht auch von der "wahren Natur", die er als die höchste Wahrheit oder Buddha-Natur betrachtet.
(3) Wesenheit: die Essenz (Substanz) des Lebens, die Erscheinung und Natur durchdringt und vereint. Diese ersten drei Faktoren beschreiben die Realität des Lebens selbst.
In der Gosho erklärt Nichiren, dass Erscheinung nur körperlich/substanziell sei, die Natur nicht-substanziell und das Wesen beide Aspekte in sich vereine.
Das entspricht auch dem Konzept der drei Wahrheiten (santai) oder: ku, ke, chu.
Der Punkt ist, dass es keine Trennung zwischen diesen drei Aspekten gibt. Es gibt weder nur körperliche Existenz, wie manche behaupten, noch ist der Körper Illusion und es gibt nur Spiritualität, nein, Leben entfaltet stets beide Aspekte gemeinsam, Körper und Geist sind wie zwei Seiten einer Münze. Im Buddhismus gibt es weder unbelebte Materie, noch reine Geistwesen. Eine karmische Wesenheit, die sich manifestieren will, braucht einen Körper. Kein Körper existiert ohne innewohnende Eigenschaften, und beides sind Ausdrucksformen der wahren Natur des Universums. Nichiren schreibt, dass alles was existiert, bis hin zum winzigsten Staubkorn, ohne Ausnahme stets das wahre Wesen des Lebens manifestiert. [SND, 479]
(4) Kraft: die potenzielle Energie des Lebens.
(5) Einfluss: die Handlung oder Bewegung, die entsteht, wenn die dem Leben innewohnende Kraft aktiviert wird.
Einfluss hängt von der Kraft ab, die aufgewendet wird. Unterschiedliche Lebenszustände (10 Welten) beinhalten unterschiedliche Kraftpotentiale und somit unterschiedliche Einflussmöglichkeiten.
Faktor 6 - 9 bilden wieder so ein Paket, hier geht es um Ursache und Wirkung:
(6) Innere Ursache: die dem Leben Innewohnenden latenten Ursachen, so genannte karmische Samen, die noch nicht keimen. Meine inneren karmische Veranlagungen, die entsprechende Wirkungen hervorrufen, z.B. gut, böse oder neutral.
(7) Beziehung: die Beziehung äußerer Ursachen zur inneren Ursache (6). Meine karmische Veranlagung wird durch einen äußeren Umstand aktiviert, sie tritt in Beziehung, mein Karma bezieht sich auf den fremden Finger, der mein Wasser umführt und wird aktiv. Man ärgert sich - 'über' etwas oder jemanden. Der Ärger bezieht sich auf etwas Äußeres, dann kann er erscheinen, ansonsten bleibt er latent.
(8) Latente Wirkung: die innere Wirkung, die im Leben entsteht, wenn eine innere Ursache durch ihre Beziehung zu äußeren Ursachen aktiviert wird: ein bestimmter Lebenszustand wird aktiviert. Einer der zehn Lebenszustände erscheint. Je nach innerer Ursache (6) können gleiche äußere Ursachen (7) unterschiedliche innere Wirkungen (8) hervorrufen. Was den einen nicht berührt, bringt den anderen auf die Palme oder ruft beim nächsten tiefes Mitgefühl hervor.
(9) Manifeste Wirkung: äußere Wirkung - ich handle dem Lebenszustand entsprechend, der Lebenszustand manifestiert sich in der Umgebung.
Das greifbare, wahrnehmbare Ergebnis, das sich im Laufe der Zeit als Ausdruck einer latenten Wirkung und somit einer inneren Ursache manifestiert, wiederum durch deren Wechselwirkung mit verschiedenen Bedingungen.
(10) Übereinstimmung vom Anfang bis zum Ende: Der einigende Faktor der zehn Faktoren. Er zeigt an, dass alle anderen neun Faktoren vom Anfang (Erscheinung) bis zum Ende (manifeste Wirkung) konsistent und harmonisch miteinander verbunden sind. Alle neun Faktoren drücken somit in jedem Augenblick übereinstimmend und harmonisch denselben Zustand des Seins (einen von zehn Lebenszuständen) aus.
Nichikan Shonin (1665 - 1726), 26. Hohepriester der Nichiren Shoshu schreibt: "Erscheinung ist der Anfang und manifeste Wirkung ist das Ende. Die Übereinstimmung von Anfang bis Ende entspricht dem unveränderlichen Wesen des Mittleren Weges (dem chu von ku, ke, chu), der alle anderen neun Faktoren durchdringt." Ebenso, wie der der Mittlere Weg also die körperlichen und geistigen Aspekte eines menschlichen Lebens harmonisch zusammenfügt, so gewährleistet er auch das Zusammenspiel von Kraft und Einfluss (Faktor 4 u. 5), sowie Ursache und Wirkung (Faktor 6-9)
Ein Leben im Zustand der Hölle zeigt dies in seiner äußeren Erscheinung (z.B. verwahrlost, todtraurig oder mit einem hasserfüllten Blick), es ist innerlich und äußerlich erfüllt vom höllischen Lebenszustand, wird getrieben vom Gefühl, dass es keinen Ausweg gibt und handelt dementsprechend - Übereinstimmung von Anfang bis Ende.
Ein erfundenes Beispiel: Petras Freund hat die Beziehung nach vielen Jahren völlig unerwartet beendet. Dieser äußere Umstand (äußere Ursache) fällt auf Petras karmische Veranlagung (innere Ursache), in einer solchen Situation von jetzt auf gleich in den Lebenszustand der Hölle abzustürzen. Man sieht es ihr an (Erscheinung), dass sie innerlich (spiritueller Aspekt) leidet. Wie sie ihrem Leiden Ausdruck verleiht, hängt von ihrem Wesen ab, der harmonisierenden Kraft des mittleren Weges, die alle ihre Daseinsfaktoren mit dem Lebenszustand der Hölle in Einklang bringt. Ihre Lebenskraft ist jetzt niedrig und daher werden ihre Handlungen nur geringe Auswirkungen nach sich ziehen (Kraft und Einfluss). Der Schock über den Verlust gräbt sich tief in ihre Persönlichkeit. Das macht neues Karma (innere Wirkung) und dementsprechend handelt sie jetzt (äußere Wirkung). Sie schreibt traurige Gedichte, ruft Freundinnen an und heult am Telefon, frisst bergeweise Schokolade u.s.w.. Weil dieses Ereignis so traumatisch für Petra war, wird sie auch in späteren Beziehungen von Verlassens-Ängsten geplagt (innere Wirkung - das Karma, dass sie damals machte). Sie klammert sich an ihre Partner, ist neuerdings eifersüchtig und wird, natürlich - wieder verlassen.
Ihrer Freundin Hanna ist das gleiche passiert, am gleichen Tag. Langjährige Beziehung von jetzt auf gleich beendet. Aber da Hanna ein anderes Karma hat, sprich eine andere innere Ursache, wirkt sich dieser äußere Anlass bei ihr ganz anders aus. Sie weint dem Kerl keine Träne nach, sucht sich ein passendes Outfit aus dem Kleiderschrank und beschließt, den Abend in der Disco mal wieder richtig abzudancen. Sie reißt sich sofort irgendeinen Schönling für einen one-night-stand auf, und nach einigen Jahren kann sie sich nur unter Mühen an den Kerl erinnern, der sie damals so übel abserviert hat.
Die Daseinsfaktoren 6-9 beschreiben Ursache und Wirkung für das Erscheinen von Lebenszuständen aus den 10 Welten. Mein aktueller Lebenszustand gleicht einem Glas mit klarem Wasser. Auf dem Boden des Glases gibt es eine dünne Schicht aus feinem Sediment, dass aber da liegt und mein Wasser nicht trübt. Dann kommt ein Löffel und rührt das Wasser um. Das Sediment wirbelt auf, das Wasser wird trüb.
Normalerweise beschwert man sich über den Löffel, also den äußeren Anlass. Wenn der nicht rühren würde, wäre mein Wasser/Lebenszustand ja nicht trüb geworden.
Der Buddhismus lehrt aber, dass es nicht am Löffel liegt, sondern am Sediment, also an meinem Karma, meiner innewohnenden Ursache. Wäre da kein Sediment - und dafür bin ich verantwortlich – dann könnte der Löffel rühren soviel er wollte. Mein Lebenszustand bliebe klares Wasser. Soka Gakkai Vizepräsident Izumi sagt dazu: "Die Menschen sind sich des Bodensatzes (in ihrem eigenen Leben) oft nicht bewusst und beschuldigen dann andere, ihr Wasser umgerührt zu haben. Mit anderen Worten, sie sind sich nicht darüber im Klaren, dass die Ursache ihres Unglücklichseins in ihnen selbst liegt, und dass sie einfach nur die Folgen dieser Ursache spüren, wenn sie von jemand anderem zum Vorschein gebracht wird."
Lektüre: Gosho Nr. 39,
Das Objekt der Widmung zum Betrachten des eigenen Lebens, Seite 444-449
Miao-lo (711–782) betrachtete dieses buddhistische Kausalitätsgesetz, das durch die vier Faktoren von der inneren Ursache zur manifesten Wirkung beschrieben wird, als das charakteristische Merkmal der zehn Faktoren. Es betrifft natürlich auch Ursache und Wirkung für das Erreichen der zehnten Welt, der Buddhaschaft. Es gibt also in allem Leben innewohnend die innere Ursache der Buddhaschaft. Welcher äußere Anlass ist nötig, um diesen karmischen Samen zu aktivieren?
Die Antwort auf diese Frage und die Erklärung, warum man nicht zuerst aufhören muss, zu leiden, ehe man Bodhisattva/Buddha sein kann, gebe ich im nächsten Teil von der gegenseitigen Beinhaltung der zehn Welten.
Quellen:
https://www.nichirenlibrary.org/en/dic/Content/T/49
Gosho Nr. 178, WND II, Über das Prinzip der Dreitausend Welten
https://www.nichirenlibrary.org/en/wnd-2/Content/178#para-74
Richard Causton, Der Buddha des Alltags, S. 165ff und S. 194ff
Dialoge über das Lotos-Sutra Band 1, ganzes Kapitel 8, ab S.144
Gosho Shoho jisso sho - das Wahre Wesen des Lebens - SND, S.479
